Bergluft

Es ist kalt, meine Wangen sind taub und meine Nase rinnt. Ein Schritt vor den anderen. Aufpassen, wo ich hin steige. Um mich herum Schnee, soweit das Auge reicht. Der Wind bläst. Er weht so stark, dass ich meine Kapuze noch etwas höher ziehen muss, um mich vor seiner Kälte zu schützen. Der Wind bläst in meinen Audioprozessor und lässt ein Rauschen entstehen. Ich bleibe kurz stehen, ziehe einen Handschuh aus und nehme den Audioprozessor herunter, um auszuprobieren, wie sich die Stille anfühlt. Zum ersten Mal, seit ich implantiert bin. Normalerweise möchte ich alles um mich herum mitbekommen. Laut sein und im Mittelpunkt stehen. Aber jetzt, hier in diesem Moment, stört mich die Ruhe nicht. Mein herkömmliches Hörgerät auf der anderen Seite lasse ich zwar eingeschalten, doch ich bemerke, dass es mir zunehmend nur noch in Kombination mit meinem Cochlea-Implantat eine Hilfe ist.

Seit fast einer Woche bin ich mit meiner Wandergruppe unterwegs. Die Welt der Berge hat mich schon immer fasziniert, Bergsport ist meine große Leidenschaft. Und seit ich mich vor fast drei Jahren für ein Cochlea-Implantat entschieden habe, fühle ich mich selbstständiger und mutiger denn je. So habe ich beschlossen, diese intensive Reise auf mich zu nehmen und Berg um Berg zu besteigen.

In der Zeit vor meinem Implantat lebte ich mit meinem Hörgerät und dachte, damit seien all meine Möglichkeiten ausgeschöpft. Doch als ich durch einen Zufall von der Option, mich implantieren zu lassen, erfuhr, wusste ich es sofort: Das ist die richtige Lösung für mich. Vor der Operation hatte ich eine große Sorge, nämlich, dass mein Gleichgewichtssinn auf irgendeine Weise geschädigt werden könnte und ich den Bergsport nicht mehr ausüben könnte. Zumindest nicht so, wie ich es gewohnt war. Am Tag nach der Operation stand ich also auf und schloss die Augen. Mein Herz klopfte wild, als ich versuchte, langsam ein Bein zu heben. Doch auch als ich mein Knie ganz abgewinkelt hatte, geriet ich nicht ins Wanken. Ich wusste, ich hatte die richtige Entscheidung getroffen.

Einen Monat später folgte die Erstanpassung. Es waren ganz neue Eindrücke, die da auf mich einprasselten, ich war fasziniert. Mein Hörnerv, der jahrelang inaktiv gewesen war, bekam plötzlich Impulse. Ganz schön viel auf einmal, dachte ich mir damals. Und so machte ich mir keine Sorgen, als ich vorerst nur kurze, laute Geräusche wahrnehmen konnte. Mein Gehirn lernte jedoch schnell. Ich steckte mir keine großen Ziele, ich wollte meinem Körper die nötige Zeit geben, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Dabei wollte ich ihn so gut wie möglich unterstützen. Ich übte täglich eine Stunde verschiedene Hörübungen. Um die Trainings so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten, suchte ich mir zusätzlich zu den vorgegebenen Aufgaben Übungen im Internet. Mit meinen Fortschritten war ich sehr zufrieden, die Lernkurve ist nie abgerissen. Heute habe ich das Gefühl, Hörgerät und Cochlea-Implantat ergänzen sich perfekt. Verwende ich nur mein Hörgerät, so wie früher, habe ich das Gefühl, etwas fehlt. Ich bin daran gewöhnt, alles um mich herum zu verstehen und meine Umgebung mit allen Sinnen wahrzunehmen. Diese Erfahrung möchte ich nie mehr missen.

Ich denke darüber nach, als ich meine Schritte Richtung Berggipfel setze, denn es fühlt sich komisch an, wieder so viel Stille um mich herum zu haben. Es ist mir sogar etwas unangenehm. Doch bald ist es geschafft. Ich verbringe so viel Zeit, wie mir möglich ist, in den Bergen. Ob Wandern, Hochtouren, Klettersteige, Schitouren oder Schifahren - Erlebnisse in den Bergen helfen mir, zu mir zu finden und einmal abzuschalten. Meine Alltagssorgen lasse ich im Tal, auf dem Berg gibt es nur mich und die Natur. Ich atme tief durch und schalte meinen Audioprozessor wieder an, denn schließlich ist Kommunikation auch in den Bergen sehr wichtig. Der Wind hat sich etwas gelegt. Der Ausblick ist überwältigend. Ich schließe meine Augen und höre, lasse meine Sinne die Umgebung für mich erkunden. Ja, denke ich mir, ich habe die richtige Entscheidung getroffen.